Der Industriestandort Deutschland ist stark. Die Produkte sind gut. Wir sind weit vorn. Aber es kann bei uns bald zugehen wie in den USA und in Großbritannien: Industriebrache und in der Folge eine tief gespaltene Gesellschaft. Wenn wir nichts unternehmen.
Die Spaltung der Industriewelt seit den Siebzigerjahren

(Die Grafik stammt aus meinem Buch „Industrie 4.0 grenzenlos“ von 2016 und hat an Aktualität nichts eingebüßt.)

Kein führendes Industrieland neben Deutschland und Japan hat seit 30 Jahren etwa ein Viertel seiner Beschäftigten in der Industrie halten können. In den anderen Industrienationen des Westens – allen voran die Geburtsstätten der Industriegesellschaft: Großbritannien und die USA – sind kaum noch 10 Prozent in der Industrie beschäftigt.

Der Grund: Deutschland und Japan haben ihre Industrieprodukte und ihre industriellen Prozesse – von der Konstruktion bis zu den Lieferketten – so konsequent digitalisiert und vernetzt wie kein anderes Land. Die Produkte sind stark, funktionieren perfekt und sind die Messlatte für andere. Deutschland hat vor zehn Jahren international die Linie mit „Industrie 4.0“ vorgegeben. Japan verfolgt die Strategie „Society 5.0“, denn die digitale Transformation der Industrie legt die Grundlage für eine neue Gesellschaft.

In den USA und in UK dagegen gibt es kaum noch nennenswerte Industrie. Diese Nationen stützen sich wirtschaftlich zum größten Teil auf Dienstleistung in Internet und Cloud und auf die Finanzbranche. Beides ist weitgehend staatlicher Regelung entzogen. Und die Gesellschaften sind gefährlich tief gespalten.

In den kommenden Jahren entscheidet sich, ob unsere Fertigungsindustrie das Herz unserer Wirtschaft bleibt. Nachhaltigkeit, Klimaneutralität und globaler Wettbewerb machen das reine Geschäft mit physischen Produkten zum Auslaufmodell. Die Industrie muss sich schnell und grundlegend ändern: von materieller Wertschöpfung, nämlich Produktherstellung und Produktverkauf, zu immaterieller Wertschöpfung mit produktbasierten Diensten aus dem Netz.

Die Stärke unserer Hardware ist dabei unser Trumpf. Aber alle Produkte müssen schon im Design als vernetzte Systeme für Dienste entwickelt und gefertigt werden. Genauso robust, in höchster Qualität und international marktfähig, aber mit dem Hauptzweck der produktbasierenden Dienste, auf die sich dann unsere Geschäfte gründen. Und der Wohlstand der Menschheit. Klimaneutral, ressourcenschonend, nachhaltig, menschenbezogen.

Das schafft die Industrie nicht aus eigener Kraft. Gerade in Deutschland, wo Rückgrat und größte Stärke Millionen kleinster, kleiner und mittlerer Unternehmen sind, muss unser Staat dafür sorgen, dass dieser Weg und nicht das Festhalten an alten Pfaden belohnt wird.