Interessante Debatten, sehr unterschiedliche Resonanz

04.12.2019

Nach mehr als einem Jahr Vorträgen mit Diskussion über mein aktuelles Sachbuch ist eine kleine Rückschau angebracht. Sie fällt interessanter aus, als ich Ende 2018 erwartet hatte.

Etwas mehr als ein Jahr ist vergangen, seit ich mein Buch „Das Gespinst der Digitalisierung“ herausgebracht habe. 13 Mal durfte ich bisher das Buch in Ost und West, im Süden und im Norden vorstellen, drei Mal in München, zwei Mal in Regensburg, vier weitere Vorträge sind für den Anfang des nächsten Jahres geplant. Die Einladungen kamen unter anderem von IT-Anbietern und Industrie, von politischen Stiftungen und einer Landeszentrale für politische Bildung.

Das Thema treibt viele Menschen um, und die, mit denen ich ins Gespräch komme, haben Fragen und Gedanken dazu in Hülle und Fülle. Dass ich das Thema in einen ungewöhnlich großen Bogen der Menschheitsentwicklung gestellt und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet habe, trifft auf große Zustimmung. Aber es gibt auch höchst interessante Unterschiede in der Zusammensetzung der Zuhörerschaft und Gesprächsrunden, und vor allem in der Reaktion.

Bei etlichen Veranstaltungen hatte ich ein Publikum, das sich ganz offensichtlich aus allen Teilen der Gesellschaft zusammensetzte. Viele Berufsgruppen waren vertreten, ab Jugendliche aufwärts auch alle Altersgruppen. Das ist vielleicht eine der besonders interessanten Erfahrungen: Während allenthalben von den Digital Natives gesprochen wird, die angeblich diejenigen seien, die sich auskennen, interessieren und mitreden wollen, waren es viel eher und öfter die Älteren und nicht selten sehr Alte, die großes Interesse hatten und auch viele Ideen, wie unsere Gesellschaft das Thema angehen sollte. Die Rentner unterschiedlichster Berufsrichtungen sind keineswegs nur auf Mallorca. Sehr viele nehmen sehr engagiert an der Debatte teil.

Informatiker, das dachte ich zuerst, sind vielleicht eher gelangweilt von meinen weit ausholenden Analysen und Darstellungen von Zusammenhängen. Aber die heftigsten, längsten und weitreichendsten Diskussionen hatte ich genau mit dieser Berufsgruppe. Von wegen Nerds und nur an Sourcecode interessiert! Hoffentlich habe ich noch öfter so schöne Gelegenheiten, mit ihnen zu diskutieren, wie bei der Konferenz Mesconf in München, wo rund 90 Teilnehmer sich getroffen hatten, um sich über modellbasierte Systementwicklung auszutauschen.

Überrascht hat mich die Reaktion von Maschinenbau-Ingenieuren und IT-Spezialisten in den Engineering-Bereichen der Industrie. Während meines Vortrages hätte man eine Stecknadel fallen hören, und keiner griff in irgendwelche Tasten oder wischte auf einem Gerät. Die Bewertungen ergaben höchste Werte der Zustimmung zu meinem Vortrag. Aber Diskussion gab es fast keine. Diese Berufsgruppe, die mir aus den letzten 30 Jahren am vertrautesten ist, hat offensichtlich große Hemmung, sich aktiv an der zivilgesellschaftlichen Diskussion zu beteiligen. Sie sind es auf der einen Seite nicht gewohnt, dass man etwas anderes von ihnen erwartet als gut funktionierende Produkte und Prozesse. Und vielleicht kommen sie auch am schwersten mit den Veränderungen klar, die sich jetzt abzeichnen, wenn die industrie statt mechanischer und mechatronischer Produkte vernetzte Systeme mit darauf basierenden Diensten entwickelt. Sie haben gerade hierzulande die Industrie auf den heutigen, weltweit führenden Stand gebracht. Und nun ändert sich ihre Rolle fundamental.

BookMetrics Analyse der DownloadsDer Springer Verlag hat leider nicht dabei geholfen, das Buch in den Handel und also zu den Lesern zu bringen. Ihm geht es offenbar nur noch um gezählte Kapitel-Downloads an Uni-Bibliotheken. Nicht einmal genaue Zahlen von Buch-Downloads kann er mir zur Verfügung stellen.

Immerhin zeigen die sporadisch aktualisierten Zahlen des genutzten Analysetools, dass seit der Herausgabe mehr als 40.000 Kapiteldownloads gezählt wurden. (Vergleiche Screenshot) Im halben Jahr 2018 mehr als das Doppelte des Jahresdurchschnitts bei populären Sachbüchern. 2019 bis Anfang Dezember mehr als das Vierfache. Allein als E-Book hätte das Buch demnach ungefähr 3.100 Leser gefunden.

Gegenwärtig arbeite ich an einem Fachbuch über Künstliche Intelligenz in der Industrie: Der „KI-Kompass“ wird im kommenden Frühsommer bei Hanser erscheinen. Für mein nächstes Sachbuch, das an „Das Gespinst der Digitalisierung“ anknüpft, suche ich weiter nach einem Verlag, dem es neben dem Profit auch um das Wissen und die gesellschaftliche Debatte geht. Sie sind rar.

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Kommentar von Stefan Kühner |

... eigentlich ist das ja wirklich schade, dass Maschinenbau-Ingenieure und IT-Spezialisten, die in den Engineering-Bereichen arbeiten, offensichtlich große Hemmung haben, sich aktiv an der zivilgesellschaftlichen Diskussion zu beteiligen. Dies habe ich allerdings auch bei so manchem Versuch erfahren, auf XING zu diskutieren. Ich glaube aber nicht, dass dies daran liegt, dass sie sich schwer tun, mit den Veränderungen klarzukommen, die sich jetzt abzeichnen.
Ich gehe eher davon aus, dass es schwerfällt, sich in dem Themenbereich, in dem man selbst arbeitet, öffentlich zu positionieren. Man weiß nicht, ob dort Wettbewerber oder Kollegen zuhören, die Äußerungen falsch auffassen und gegen einen verwenden. Das erlebe ich auch bei öffentlichen Diskussionen über das Thema KI – viel Beifall, harmlose Fragen und eine große Scheu, kontrovers zu diskutieren.
Ich habe Ihr Buch mit Vergnügen gelesen, weil es (im deutschsprachigen Raum) eines der wenigen ist, das aus weltanschaulicher Sicht auf das Thema blickt. Richtig ist: nicht die Technik macht ‚etwas‘ mit uns Menschen, sondern die Menschen machen ‚etwas‘ mit der Technik. Hier lasse ich aber den Begriff ‚die Menschen‘ nicht im leeren Raum stehen, denn es gibt Interessengegensätze zwischen verschiedenen Gruppen der Menschen. Dazu gibt es Erläuterungen, die zurückreichen bis zu den beiden Philosophen, deren Zitat Sie ja leicht verändert zum Titel Ihres Buches gewählt haben: Karl Marx und Friedrich Engels und das kommunistische Manifest. Diese unterschiedliche Interessenlage ist nicht aufgehoben. So hat im April 2019 eine Kommission der EU ein vielbeachtetes Papier mit dem Titel „Ethics Guidelines for trustworthy AI“ herausgegeben. Von den 52 Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft gehörten 28 Vertreterinnen und Vertreter von zumeist global agierenden Unternehmen und ihren Unternehmensverbänden, 6 Personen von Thinktanks, 11 Vertreterinnen und Vertreter von Universitäten und Forschungseinrichtungen, 3 Verbraucherschutzverbänden, eine Human Rights und Bürgerrechtsaktivistin, die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen und ein Mitglied des Europäischen Gewerkschaftsbundes ETUC. Einseitiger, was Interessenvorbringung betrifft, geht es kaum. Das war auch kein Versehen, wie die Vertreterin der Evangelischen Kirchen in Brüssel während einer Diskussion über dieses Papier zugab - sie seien überhaupt nicht gefragt worden.

Vielleicht gibt es ja jetzt über Ihren Kommentar und über Ihr Buch die gewünschte Diskussion - und alle Mutmaßungen sind widerlegt

Beste Grüße Stefan Kühner