Ein Jahr erster Erfahrungen mit China

09.02.2016

Zweimal chinesisches Festland für Vorträge und Interviews in Peking, Jinan und Sanya, einmal Taipeh, Taiwan, für Vortrag und Workshop - 2015 war für mich ein Jahr intensiven Kennenlernens und Eintauchens in eine unbekannte Welt. Was interessiert die chinesische Regierung und die chinesische Industrie an unserer Kampagne "Industrie 4.0"? Was bedeutet "Made in China 2025"? Gibt es potenzielle Synergien, wenn die Intitiativen kooperieren? Und wie könnte das aussehen? Ich bin weit davon entfernt, die Antworten zu haben. Aber eine erste Ahnung habe ich schon.

Made in China 2025Seit in den letzten Jahren deutlich wurde, dass der ungebremste Aufschwung auf Basis billiger Massenproduktion für den Export vorbei ist, hat die chinesische Regierung einen Richtungswechsel beschlossen. Mit dem nächsten Fünfjahresplan ab 2016 und mit der Kampagne "Made in China 2025", die der erste von drei beschlossenen Zehnjahresplänen ist, soll eine neue Stufe der Industrialisierung in Angriff genommen werden. Vom Statsrat ist im Mai 2015 zum Ziel erklärt worden, im Jahr 2049, wenn China den hundertsten Geburtstag der Volksrepublik feiert, Industrienation Nummer 1 in der Welt zu sein. Dafür soll sich die chinesische Industrie von Masse zu Klasse, von einfacher Billigproduktion zur Hightech-Industrie nach deutschem Vorbild entwickeln.

Hochgeschwindigkeitszug ChinaIst das realistisch? Ich halte es für ein sehr ambitioniertes Vorhaben. Aber ich halte nicht für ausgeschlossen, dass es gelingt. Die chinesische Industrie ist sehr unterschiedlich weit entwickelt. In einzelnen Bereichen ist sie mindestens so weit wie die deutsche. Im Hochgeschwindigkeitszug chinesischer Bauart, mit dem ich von Peking nach Jinan fuhr. hatte ich nicht das Gefühl, mit über 300 Stundenkilometern unterwegs zu sein. Gleichzeitig sind andere Branchen - vermutlich die meisten - eher auf der Stufe der Industrialisierung, die wir am Anfang des letzten Jahrhunderts erreicht hatten.

Auch dort, wo die Industrie hohes Niveau hat, ist sie für viele Komponenten auf Zulieferung aus den alten Industrienationen angewiesen. Bis 2020 sollen 40% aller Teile und allen Materials aus eigener Herstellung kommen, bis 2025 70%. Auch das ist Bestandteil von "Made in China 2025".

Interview Xinhuanet in JinanBei Interviews durch Fernsehsender und Xinhuanet wurde ich gefragt, ob eine neue Stufe der Industrialisierung nicht zusätzliche Umweltbelastung und noch schlimmeren Smog mit sich bringt, als ich ihn im Dezember in Peking und Jinan erlebt habe. Meines Erachtens gibt es eine große Chance, Industrie 4.0 mit einer deutlichen Reduzierung der Ressourcen- und Energieverschwendung zu verbinden. Und wenn das die Grundlage für die weitere Industrialisierung in China ist, haben nicht nur die Chinesen etwas davon.

Vortrag Staatgästehaus PekingIn meinen Vorträgen im Dezember habe ich zwei Vorschläge formuliert, die die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und China betreffen. Einerseits sollte ein Visa-Abkommen eine längerfristige Anwesenheit von chinesischen Fachkräften in Deutschland ermöglichen. Das Interesse hunderttausender Chinesen an Industrie 4.0, wie es sich in den Auflagenzahlen meines Buches niederschlägt, träfe auf ein massenhaftes Defizit entsprechender Fachkräfte hierzulande. Andererseits könnte die teilweise vorindustrielle Situation in China wie eine grüne Wiese gesehen werden, auf der die digitale Fabrik der Zukunft von Anfang an richtig geplant und gebaut wird. Für unsere Technologie ein unschätzbares Test- und Pilotierfeld, für China die Möglichkeit, unsere Lernphase der letzten hundert Jahre zu überspringen.

I 4 0 Buch im Bookstore am Flughafen BeijingIn Deutschland ist leider die Diskussion über Industrie 4.0 immer weiter in Richtung "noch effektivere Automation" gedriftet. Und das Internet der Dinge als zukünftiger Betriebsort innovativer Produkte und Dienstleistungen wird auf strategischer Ebene oft eher den US-Konzernen überlassen. Vielleicht hilft eine engere Zusammenarbeit mit der chinesischen Industrie und ihrer Regierung, diesen Kurs ein wenig zu korrigieren. Dann könnte der Industriestandort Deutschland zu einem Technologielieferanten erster Güte werden.

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