Das System und die Veränderung, die es jetzt braucht

20.05.2020

Corona wirbelt alles durcheinander. Wenn wir nicht warten, bis sich das Aufgewirbelte wieder genauso legt wie zuvor, bietet das der Menschheit eine große Chance. Aber diese Chance muss ergriffen werden. Von uns allen. Und solange größere Debatten nicht persönlich stattfinden können, haben wir ja die digitale Vernetzung. Nur von allein wird die Veränderung nicht kommen, die wir brauchen. Für das Klima, für die Digitalisierung, für die Gesundheit und für das Miteinander.

Wenn Schweinefleisch nichts kosten soll, darf auch die Arbeit von Menschen zu seiner „Produktion“ nichts kosten, erst recht aber nicht ihr Transport, ihre Unterbringung, ihre Versorgung. Von der Würde der armen Menschen ist bei den derzeitigen Schweinereien der Fleischindustrie ohnehin keine Rede. Sie wird mit Füßen getreten. Und dieses fast kostenlose Schweinefleisch soll als Teil der Nahrungsmittelversorgung systemrelevant sein? Was ist das für ein System?

Die Diskussion über die angemessene Vergütung tatsächlich gesellschaftlich relevanter Tätigkeiten wie die in der Pflege, in den Kliniken, in den Gesundheitsämtern, im Transport und in Polizei, Feuerwehr und Notdienst begann Mitte März und zieht sich schon zwei Monate hin, ohne dass sich wirklich Grundlegendes hinsichtlich ihrer Wertschätzung ändert. Das ist kein gutes Zeichen.

Lockerungsübungen, die aus sehr alter Denke kommen

Die seit Mitte März in Deutschland ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionen, stark eingeschränkte Kontakte, Abstand halten und wenn mögich zu Hause bleiben, haben ziemlich gut gewirkt. So gut, dass jetzt viele Menschen verwirrt sind. Waren all die Maßnahmen vielleicht gar nicht nötig? Wurden wir unnötigerweise in unseren Rechten beschnitten? Hätte es gar keine Kontaktbeschränkung und keine Schließung von Kitas und Schulen gebraucht? Ein Überbietungswettbewerb in Lockerung ist angesagt. Ein guter Boden für Wiederholungstäter mit und ohne Doktor- oder Professorentitel, die ihren Verschwörungsgeschichten nun eine brandaktuelle Färbung geben und Millionen Klicks erreichen. Immer dabei: die nun blau statt braun flaggenden Horden der Nationalisten und Rechtsextremen in der und um die AfD, die Träger der Reichsbürgerfahnen und andere gefährliche Extremisten. Verantwortliche der FDP in Land und Bund hoffen auf einen kleinen Gewinn, der abfällt, wenn sie sich in dieselbe Richtung beweglich zeigen. Mal verschämt, mal angeblich aus Versehen, meist, vor allem in den Talkshows, ganz offen.

War es falsch, die Grenzen zu schließen? Werden sie zu spät wieder geöffnet? Die Virologen amüsiert diese Frage, denn sie wissen, dass das Virus sich auf beiden Seiten des Grenzzauns gleich wohl fühlt und ausbreitet. Es sind die Schutzmaßnahmen, die diesseits und jenseits der Grenzen so große Unterschiede in der Auswirkung der Seuche machen. Die reiche Nation kann ihre Bürger besser schützen als ein kaputt gesparter und für überflüssig erklärter Staat, die freiheitliche kann mit größerer Rücksicht dabei vorgehen als die autoritäre oder autokratische. Aber es hilft der einen nichts, wenn die andere hilflos ist. Das Virus wird sich schnell wieder seinen Weg bahnen durch alle Länder, über die Meere, durch die Luft. Und es droht selbst die beste Versorgung zu überfordern.

Systemerkrankung in doppeltem Sinn

Das Virus ist neu. Es greift nicht nur ein einzelnes Organ an. Die Ärzte sprechen inzwischen immer weniger nur von einer neuartigen Lungenkrankheit, sondern zunehmend von einer Systemerkrankung. Neben der Lunge kann sich SARS-CoV-2 nämlich auch in Leber, Herz und Nieren fressen, in die Blutgefäße, ins Gehirn. Viele Wissenschaftler sind sich dabei sicher, dass der Übersprung des bei Tieren harmlosen Virus auf den Menschen mit unserer Unterwerfung der Erde, der Pflanzen, der Tiere bis ins hinterste Fleckchen des Globus zusammenhängt, mit der Unterwerfung allen Lebens unter die Maximen unseres Wirtschaftssystems: Wachstum und möglichst freie Märkte. Und sie haben schon vor etlichen Jahren solche für die Menschen tödliche Pandemien vorausgesagt.

Dann kam der Shutdown, der bei uns eigentlich gar keiner war, verglichen jedenfalls mit Italien, Spanien, Frankreich, den USA, China und anderen Ländern. Aber immerhin: Plötzlich wurde der Markt ausgeschaltet und der Staat griff regelnd ein, und zwar so, dass das Wachstum der Wirtschaft dramatisch gestoppt wurde. In den USA ist derzeit von einer drohenden Deflation die Rede. Noch nie gab es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten eine vergleichbare Situation, in der die Preise praktisch für alles fallen, weil es niemanden mehr gibt, der es zu den alten kaufen kann oder will. Und es ist nicht einmal klar, dass es zu den derzeit um sich greifenden Schleuderpreisen gekauft wird. Das Virus hat den Maximen unseres Wirtschaftssystems widersprochen. Es hat sie ausgehebelt. Erstmals in meinem Leben, das kurz nach dem Zweiten Weltkrieg begann, ist nicht das Wachstum der Wirtschaft oberstes Gebot, sondern der Kampf gegen ein tödliches, unbekanntes Virus, gegen das es kein Mittel gibt.

Covid-19 hat auch das Gesellschaftssystem angegriffen. In allen Ländern, in denen Rechtsstaat und Sozialstaat geringgeschätzt wurden und werden, in denen vermeintlich starke Männer in Amt und Würden sind, geht es der Gesellschaft nun besonders schlecht. Denn es ist um die Stärke der Großmäuler von Trump bis Putin und Orban nicht weit her bei dieser Bedrohung. Und ausgerechnet in Ländern wie Deutschland, die doch ganz gut organisiert sind, wollen die Menschen gerade jetzt weniger Staat. Das Virus fordert die Menschheit insgesamt heraus. Und sie hat keine Antworten.

Zeit für Fragen

Es wäre an der Zeit, nach Antworten zu suchen. Nach Alternativen zu dem Leben, Wirtschaften, Regiertwerden und Regieren, das wir kennen und das zu dem geführt hat, was gerade alles aus dem Lot bringt.

Niemand hat im Moment diese Antworten. Niemand kennt die Alternativen. Es wäre vermutlich schon ein Schritt in die richtige Richtung, wenn wir die richtigen Fragen fänden. Einige Ideen zur Diskussion:

  • Brauchen wir einen Nationalstaat? Wäre eine kleinere, regionalere, an der Stadt und dem Wohn- und Arbeitsort orientierte staatliche Organisation – wie in den antiken griechischen und mittelalterlichen italienischen Stadtstaaten – passender? Digital vernetzt weltweit?
  • Zeigt nicht die Notwendigkeit staatlicher Gesundheitsversorgung, wie wichtig es ist, die Grundversorgung der Menschen nicht dem Gewinnstreben von Industrien zu überlassen? Sollten wir uns nicht wieder stark machen für starke staatliche Infrastrukturen für Gesundheit, Kommunikation, Transport, Verkehr und Sicherheit?
  • Homeoffice, Videomeetings und Webinare – auf einmal ist digitale Vernetzung nicht nur Gefahr und schlecht, sondern hilfreich und weiterführend. Wie können wir diesen Schub nutzen, um eine gesellschaftlich sinnvolle Nutzung der digitalen Technologie in allen Bereichen voranzutreiben und sie nicht weiter dem puren und rücksichtslosen Gewinnstreben einer Handvoll Konzerne in den USA und China zu überlassen?
  • Das Klima verändert sich weiterhin global dramatisch zum Schlechten der Welt. Wie können wir der Fridays for Future Generation helfen, die Pandemie für einen neuen Schub ihres Kampfes zu nutzen? Wie lassen sich die guten Erfahrungen mit der geringeren Luftverschmutzung, dem fehlenden Fluglärm und dem hörbaren Vogelgezwitscher, den fast autoleeren Straßen aus den ersten Wochen der heruntergefahrenen Wirtschaft nutzen für einen Wandel, der wirkt?

Kommentare, weitere Fragen und natürlich erste Antworten sind herzlich willkommen!

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Stefan Kühner |

Lieber Ulrich Sendler,

Bietet Corona der Menschheit eine große Chance? Da werde ich von Tag zu Tag skeptischer. Ein Systemwechsel, auch nur in Ansätzen ist nicht in Sicht. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der Staat, ich bleibe Mal beim Deutschen, steckt der Automobilindustrie Milliarden Euro direkt und indirekt in die Taschen. Kaufprämien werden nicht helfen, wenn dort eine Überproduktionskrise vorhanden ist. Sie werden die doppelte Krise (Überproduktion und Strukturkrise) nicht auflösen. Dies war lange vor Corona schon zu erkennen. Es gibt schlicht und ergreifend zu viele Autos. Notwendig und hilfreich wären Arbeitszeitverkürzung bei Erhalt der Bezüge für die Beschäftigten und Überlegungen welche Produkte die Menschheit (wie sie es sagen) tatsächlich braucht. Die Herren Diess und Källenius sind dafür wohl schlechte Impulsgeber. Nicht viel anders ist es bei Primex, H&M, Adidas, Runnerpoint, Hilfigers etc.. Es gibt zu viele von ihnen – die Lasten vom Shutdown in dieser Branche tragen die Näherinnen und Näher in Bangladesch, Kambodscha und Vietnam. Das wird hierzulande noch nicht einmal wahrgenommen. Es hat mit Corona wenig zu tun. Die Pandemie hat das nur sichtbar gemacht.

Zu Ihren Fragen nur zwei Antworten:

Nein wir brauchen keine Nationalstaaten, vor allem keine nationalistischen Staaten und vor allem nicht mehr Unilateralismus. Wir brauchen eine gerechte Weltwirtschaftsordnung und ich stimme dem Ökonomen Nick Srnicek zu, der in seinem Büchlein „Plattform-Kapitalismus“ sagt: „Ich glaube, dass die Überführung dieser Firmen in einen irgendwie gearteten öffentlichen Besitz die Ideallösung wäre“

Homeoffice, Videomeetings und Webinare sind keine Wohltat für die Beschäftigten. Ich hatte in den letzten Wochen Dutzende Gespräche mit Kopfarbeitern aus unterschiedlichen Betrieben und Behörden. Fast alle wollen zurück in die Betriebe, weil sie den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen brauchen, die Kantinengespräche, die Trennung von Job und Familienarbeit.

Es gibt viel zu diskutieren über diese Themen – ich befürchte nur dass die Bereitschaft dazu gering bleibt – und das ist doch schade!

Beste Grüße aus Karlsruhe
Stefan Kühner

Kommentar von Ulrich Sendler |

Lieber Stefan Kühner,
das könnte ein schöner Anfang sein für eine Diskussion in Form von Kommentaren. Ich fürchte leider, dass sich außer Ihnen wie üblich niemand äußert. Obwohl gerade die Kopfarbeiter und besonders die in der Technik die Chance beim Schopf packen und ihre Gedanken austauschen sollten. Anscheinend waren die Eindämmungsmaßnahmen der ersten Infektionswelle so erfolgreich, dass alle schon wieder zurück sind im Schneckenhaus. Ist ja den meisten nichts passiert.
Ja, es kann sein, dass die Chance, die das große Durchrütteln immer bietet, auch diesmal noch nicht genutzt wird.Eine kleine Hoffnung habe ich dennoch.
Der Nationalstaat und die in den letzten Jahren wieder auferstandenen Nationalisten - ich glaube in der Tat, dass die Menschen ihn nicht mehr benötigen. Interessanterweise sind es ja die Gesundheitsämter auf Landkreisebene, bei denen sich jetzt die Entscheidungsbefugnis konzentriert. Während die nationale Regierung sich nicht einmal bei den Ministerpräsidenten der Länder Gehör verschaffen kann. Und die benehmen sich in manchen Fällen ein wenig wie die Landesfürsten und Bischöfe der Feudalzeit.
Homeoffice und Videokonferenzen sind sicher nicht persönlichen Gesprächen vorzuziehen. Aber sie ermöglichen uns selbst bei einem völligen Shutdown, im Gespräch miteinander zu bleiben. Sogar mit Blickkontakt. Das könnte ausstrahlen auf andere Bereiche, in denen die digitale Vernetzung sinnvoll genutzt werden kann. Aber die Sicherheit und der Schutz der Menschen muss im Vordergrund stehen. Das ist bisher leider nicht der Fall.
Beste Grüße aus München nach Karlsruhe