Corona-Krise? Der falsche Begriff

22.04.2020

Gut vier Wochen sind seit dem Herunterfahren der Wirtschaft, des gesamten öffentlichen Lebens und der persönlichen Freiheit jedes Einzelnen vergangen. Es hat offenbar geholfen, Zustände wie in Italien, Spanien und erst recht in den USA vorerst zu vermeiden.

Jetzt ist überall vom Exit die Rede, vom Ausgang aus dem Shutdown, von der (allmählichen) Rückkehr zur Normalität. Und beinahe alle reden von der Krise, von der Corona-Krise, wenn sie die Situation mit Namen nennen wollen. Aber es ist keine Krise im herkömmlichen Sinn. Und der Begriff lenkt die Gedanken in die falsche Richtung.

Es sind die Heftigkeit und Ungewöhnlichkeit der Maßnahmen, die weltweit ergriffen werden müssen, die uns inbrünstig hoffen lassen, dass es nur ein kurzer, tiefer Einschnitt ist, der sich auf Wochen oder wenigstens wenige Monate eingrenzen lässt. Diese Hoffnung ist verständlich, aber sie wird sich sehr wahrscheinlich nicht erfüllen. Dazu wissen wir noch viel zu wenig über das neue Virus. Wir haben keinerlei Erfahrung mit einer Pandemie, die eine globalisierte Welt von 7,5 Milliarden Menschen in den Griff nimmt. Was wir wissen, ist der Zeitraum, den die Menschheit im besten Fall braucht, um sich gegen das Virus zu schützen. Demnach kann frühestens im Frühsommer 2021, also in einem guten Jahr, damit begonnen werden, einen Impfstoff massenhaft herzustellen. Bis genügend produziert wurde, um 7,5 Milliarden Menschen damit versorgen zu können, wird es weitere Monate dauern. Bis alle Menschen weltweit geimpft sind, vielleicht Jahre.

Bis dahin werden wir mit sehr starken Einschränkungen leben müssen, die mal etwas weniger drastisch sind, mal aber noch drastischer sein können, als wir sie in Deutschland gerade erleben. Von einer baldigen, auch allmählichen Rückkehr zu dem, was für uns bis vor einigen Wochen normal war, kann also nicht ernsthaft gesprochen werden.

Was jetzt dringend gebraucht wird, ist die Einstellung jedes Einzelnen und der ganzen Gesellschaft auf eine völlig neue Normalität, die vermutlich mehr mit dem jetzigen Shutdown zu tun hat als mit dem Zustand davor. Diese neue Realität ist klarer zu erkennen, wenn man davon ausgeht, dass es um eine Zeit „nach dem Ausbruch der Pandemie“, um eine noch nicht bekannte Zeit mit dem Virus geht, nicht um eine Zeit nach einer Krise.

Was sind das für Neuerungen, die wir gestalten und mit denen wir uns einrichten müssen?

Eingeschränkte soziale Kontakte

HygieneEs wird voraussichtlich auf absehbare Zeit notwendig sein, körperliche Nähe und generell physischen Kontakt zueinander weitgehend zu meiden. Wenn wir ihn wollen oder riskieren müssen, dann sieht er anders aus: Ein Mindestabstand ist einzuhalten, Mundschutz wird wahrscheinlich immer dazugehören, das gerade neu entstehende Hygienebewusstsein wird noch stärker und selbstverständlicher, eine Großveranstaltung vermutlich auf lange Sicht nicht möglich.

Arbeitsschutz

Für die Arbeit gelten andere Schutzbestimmungen. Hier wird es besonders schwierig sein, die Einschränkungen der physischen Kontakte und den Abstand einzuhalten. Eine Herausforderung für jedes Unternehmen, aber erst recht für die Beschäftigten, die nur zu leicht immer wieder in die alten Verhaltensmuster zurückfallen werden.

Home-Office

Home OfficeDas Home-Office hat durch die Pandemie eine völlig unerwartete Aufwertung erhalten. Selbst Kleinstunternehmen, aber auch große Konzerne, wo bisher die kontrollierbare Anwesenheit im Büro wichtiger schien als die geleistete Arbeit, können plötzlich in großem Maß damit umgehen und organisieren auf vielfältige Weise das Arbeiten von zu Hause. Dass es sich dabei nicht nur um eine vorübergehende Einrichtung handelt, wird sich zumindest für einen beachtlichen Teil der Wirtschaft sehr bald herauskristallisieren.

Video-Konferenzen

Video KonferenzenÄhnlich positiv entwickelt sich die Nutzung von Video-Conferencing-Tools für Besprechungen unterschiedlicher Art und sehr verschiedenen Umfangs. Da wird von virtuellen Mitarbeiterversammlungen Hunderter oder gar Tausender Mitarbeiter berichtet, die hervorragend funktionieren. Gleichzeitig beweisen diese Veranstaltungen, wie wenig sie die persönliche Begegnung ersetzen können. Video-Meeting ist ein sehr gutes Werkzeug für den schnellen, direkten Austausch. Es kann viele Reisen überflüssig machen. Aber es zeigt auch, welchen Wert das unmittelbare persönliche Gespräch hat, in dem man den Atem des anderen hört, seine Gestik ohne Ruckeln wahrnimmt und versteht.

Webinare

Statt Konferenzen, Kongressen und Messen erleben wir derzeit einen unerhörten Boom von Webinaren zu allen erdenklichen Themen. Beratung, Verkauf, Neuheiten, Wissen, Lernen nicht nur zu Hause für die Schule – was noch vor Kurzem ein Spezialtool war, droht gerade zu einer Plage zu werden. Lohnt es sich wirklich, für ein paar Zuschauer den Aufwand zu treiben? Wie kann jemand glauben, dass an Stelle einer Konferenz jemand etliche Stunden lang, möglicherweise sogar an mehreren Tagen hintereinander, seinen Blick aufmerksam auf einen Bildschirm richtet? Hier wird sich etwas einspielen müssen, das den tatsächlichen Nutzen und die realistisch zu erwartende Aufmerksamkeit berücksichtigt.

Digitalisierung

Eins scheint sicher: Die große Chance, die die digitalen Technologien von Cloud über Künstliche Intelligenz bis zum digitalen Zwilling und selbstlernenden Roboter der Menschheit bieten, rückt durch die Pandemie für die ganze Gesellschaft sehr stark in den Vordergrund. Vieles geht gar nicht ohne Digitalisierung. Etwa die dem Virus und seiner rasenden Infektiosität entsprechende schnelle Rückverfolgung möglicher Ansteckung und die Warnung des Einzelnen ist mit der manuellen Arbeit der Gesundheitsämter nicht machbar, selbst wenn man das Personal verdreifacht. Und vieles geht einfach viel besser, wie Home-Office und Video-Meetings.

Gleichzeitig bietet sich die Möglichkeit, Digitalisierung und KI in vernünftige und ethisch richtige Bahnen zu lenken. Eine Corona-App mit zentraler Speicherung wird nicht die nötige Akzeptanz finden, wenn die Gefahr besteht, dass auch personenbezogene und Standortdaten in die Hände von Konzernen oder Überwachungsorganen geraten. Echte Transparenz und garantierter Datenschutz werden plötzlich zu Fragen, die über die Zahl der durch Corona bedingten Todesopfer entscheiden können.

Der weitgehende Shutdown hat nicht nur negative Seiten. Wie jeder Umbruch führt auch die Corona-Pandemie zu neuen Ideen und neuer Kreativität. Das zu unterstützen ist angesagt. Nicht die Rückkehr zu einer Normalität, die es auf Jahre hinaus und vielleicht überhaupt nicht mehr geben kann. Auch die jetzige Pandemie wurde durch das Robert-Koch-Institut schon vor etlichen Jahren vorausgesagt, ohne schon den Namen des Virus zu kennen. Eine entsprechende Warnung haben alle Bundestagsabgeordneten damals erhalten, ohne dass irgendeine Konsequenz gezogen wurde. Und Corona wird nicht das letzte Virus sein, das solche dramatischen Auswirkungen hat. Es wird Zeit, sich darauf einzustellen und die Gesellschaft entsprechend umzubauen.

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