#7 KW 42 Extra: Rekordzahlen und fehlende Klarheit

Versuch einer Zwischenbilanz

Nachdem heute mit 6.638 Neuinfektionen erstmals die Höchstwerte vom März übertroffen sind, und weil die Maßnahmen der Verantwortlichen in Stadt, Land und Bund nicht ausreichend gegensteuern, ausnahmsweise ein Wochenschauer Extra.

Es scheint angebracht, noch einmal einen Blick zurück zu werfen auf die diversen Maßnahmen gegen den exponentiellen Anstieg der Infektion. Was hat uns im Frühjahr davor bewahrt, Verhältnisse wie in Bergamo oder New York auch hierzulande zu erleben? Welche von den vielen Maßnahmen, die alle zusammen immer noch keine Ausgangssperre und kein wirklicher Lockdown waren? Und dann zu überlegen, welche von diesen Maßnahmen uns auch jetzt wieder helfen können.

AHA-Regeln

Was wir heute unter AHA-Regeln kennen und mehrheitlich für vernünftig halten, hat sich erst nach einigen Wochen herauskristallisiert. Nicht nur, weil anfangs zu wenig Masken da waren. Es fehlte auch an Wissen über die Art der Virusverbreitung und den Nutzen von Mund- und Nasenschutz. Dass nicht nur die Tröpfchen, sondern ganz besonders Aerosole bei der Übertragung eine Rolle spielen, war im März noch kein Thema. Heute ist jedem, der nicht an eine Verschwörung glaubt, klar, dass das Tragen der Maske den Träger und seine Mitmenschen schützt. Über die Hygienemaßnahmen gab es kaum ernsthafte Debatten. 1,5 Meter Abstand zu halten ist dagegen ein Problem.

Viele Menschen halten es für weniger wichtig, und deshalb halten sie sich nicht daran. Das gilt keineswegs nur für die Corona-Leugner von Sucharit Bhagdi und Nena bis zu den Teilnehmern am Schweigemarsch letzten Samstag in Berlin. Der Kunde hinter mir an der Kasse im Supermarkt drohte mir kürzlich fast Schläge an und wurde verbal ausgesprochen rabiat, weil ich ihn auf den viel zu geringen Abstand hinwies.

In den öffentlichen Verkehrsmitteln von Bus und Tram über U- und S-Bahn bis zu den Fernzügen, erst recht an Haltestellen, auf Bahnhöfen und beim Ein- und Aussteigen ist es oft nicht möglich, einen Platz zu finden, an dem man nicht fast in Berührungsnähe mit jemandem steht oder sitzt. Das war im Frühjahr kein Problem, weil die Verkehrsmittel fast leer waren.

Homeoffice

Eine der ersten Maßnahmen betraf nämlich das Arbeiten im Büro, das wohl mit Abstand für die meisten heutzutage der Arbeitsplatz ist, der täglich von Nah und Fern aufgesucht und wieder verlassen wird. Noch vor dem Shutdown forderte die Kanzlerin dazu auf, nur ins Büro zu gehen, wenn es gar nicht anders geht. So wie man generell aufgefordert war, das Haus möglichst nur zu verlassen, um notwendige Besorgungen oder Arztbesuche zu erledigen.

Plötzlich war Homeoffice der normale Arbeitsplatz für Millionen. Und es stellte sich heraus, dass die Arbeit in Zeiten der Digitalisierung von zu Hause genauso gut zu erledigen ist wie im Büro. Wenn man nicht durch Kinder davon abgehalten wurde. Unternehmen wie Beschäftigte gewöhnten sich in kürzester Zeit an die neuen Bedingungen. Nur wurden die Monate danach nicht genutzt, um für die Ausrüstung und Ergonomie im Homeoffice die fehlenden Regeln und Gesetze zu erlassen.

Dann kam der Sommer, die Geschäfte und Restaurants wurden wieder geöffnet, und nach und nach holten viele Unternehmen ihre Beschäftigten wieder zurück in die Büros. Sei es wegen der notwendigen Teamgespräche, die nur teilweise durch virtuelle Meetings ersetzt werden können. Sei es, weil sowohl Beschäftigte wie Unternehmer eben doch noch sehr in dem alten Denken der notwendigen Büroanwesenheit verhaftet waren. Und viele Eltern, vor allem Mütter, waren froh, weil ihre Kinder wieder in der Schule oder in der Kita waren und sie wieder normal arbeiten konnten. Jetzt sind die Bahnen und Busse wieder voll, und die Straßen ebenfalls.

Spielplätze, Kindergärten und Schulen

Nach wie vor wissen wir nicht viel darüber, welche Wirkung das Schließen der Schulen, Kitas und Kindergärten hatte. Weil die Kinder und Jugendlichen nicht dort waren, kann man schlecht sagen, was gewesen wäre, wenn es diese Schließung nicht gegeben hätte. In den Wochen nach den Sommerferien sind jedenfalls nicht die Schulen und Kindergärten als besondere Infektionsquellen in die Schlagzeilen geraten.

Man hätte allerdings die lange Zeit der fehlenden Menschen in den Schulgebäuden viel konsequenter für Maßnahmen nutzen können, um für Herbst und Winter gewappnet zu sein. Nur relativ wenige Schulen verfügen inzwischen über brauchbare Luftfilteranlagen, Kohlendioxid-Ampeln sind eher unbekannt, über die man auf die Dichte von Luftpartikeln schließen kann und damit weiß, wann das Lüften dringend ist.

Noch wichtiger wäre gewesen, die Möglichkeiten zur Digitalisierung des Unterrichts oder von Teilen davon voranzutreiben. Die Versorgung von Schülern und Lehrern mit dem nötigen Equipment, die Ausbildung selbst der größten Digitalisierungsgegner unter den Lehrern mit Grundwissen, Regeln für den virtuellen Unterricht und vieles andere mehr. Jetzt sind die Schüler in der Schule, aber wir können schon darauf warten, wann die Schulen wieder schließen.

Private und öffentliche Veranstaltungen

Zug um Zug wurde im März fast alles untersagt, was zu Menschenansammlungen führte. Sportveranstaltungen wurden eingestellt oder fanden ohne Zuschauer statt, Theater und Kinos wurden geschlossen. Tausende hatten im Karneval am Rhein und im Skizirkus in Ischgl neben Alkohol und Frohsinn auch große Mengen des neuen Corona-Virus zu sich genommen. Schließlich durften sich nur noch Personen desselben Haushalts mit maximal einer anderen Person treffen. Drinnen wie draußen. Auch wenn das bei uns nicht wie in anderen Ländern konsequent kontrolliert wurde. Die Polizei war in den Parks und auf den Wanderwegen, aber die Beamten wurden nur selten aktiv.

Als der Sommer da, die Zahlen niedrig und die Ungeduld der Feierlustigen groß war, wurden beinahe alle derartigen Beschränkungen wieder aufgehoben. Bis hin zur Freigabe von größeren Veranstaltungen in Hallen und Stadien, und auch von Feiern mit sehr vielen Menschen, von der Hochzeit bis zum Besäufnis. Solange fast alles draußen stattfand, ging es auch einigermaßen gut.

Jetzt kommt der Herbst. Er fängt gerade erst an, und schon steigen die Zahlen schneller als im März. Und immer noch sind keineswegs alle größeren Veranstaltungen untersagt, und auch beim Verbot von Privatfeiern tun sich die Behörden schwer. Von einer Ampel wird geredet, die bei 35 Infizierten in sieben Tagen auf 100.000 Einwohner auf Gelb springe und bei 50 auf Rot. Aber was genau Gelb und Rot bedeutet, ist schwer herauszufinden und heißt offenbar überall etwas Anderes. Und niemand hat bisher eine solche Ampel gesehen. Nicht in der Stadt, nicht in der Zeitung, nicht im Fernsehen und nicht in irgendeiner App im Internet, die mehr könnte als die, die wir haben, die fast niemand nutzt und die deshalb auch niemandem etwas nutzt.

Reisen, Beherbergungen

Das Reisen war im März und April etwas, das man sich verkniffen hat. Nach Bergamo wollte niemand, nach New York zu fliegen war nicht möglich. Dann wurden auch noch die innereuropäischen Grenzen geschlossen, und es gab eine Zeitlang richtig Ruhe auf den Autobahnen und Flughäfen.

Im Sommer wurde wieder gereist. Die Grenzen waren offen, die Hotels und Bars ebenfalls, selbst in Spanien und Südfrankreich gab es Wochen, in denen die Zahlen so niedrig blieben, als hätten sie auch dort die Pandemie im Griff. Jetzt wissen wir längst, dass das nicht stimmte. Nichts ist im Griff bei diesem Virus. Nirgends. Es breitet sich aus, und je mehr wir uns tummeln und miteinander bewegen, desto schneller. Und trotzdem ist nicht das Reisen verboten. Es wird nach Kräften erschwert. Beherbergungsverbote in einzelnen Bundesländern, Verlangen nach Negativ-Testergebnissen kurz vor dem Einchecken, Quarantäne-Gebot nach Rückkehr aus Risikogebieten. All das hat nicht dazu geführt, dass die Zahlen niedrig blieben.

Medizinische Versorgung

Es hat sich eine Menge getan, was die Versorgung schwer an Sars-CoV-2 Erkrankter angeht. Die Ärzte und Pflegekräfte haben viel gelernt. Sie wissen jetzt um viele Gefahren, die schon beginnen, bevor die Lunge zu funktionieren aufhört. Sie suchen nach Blutgerinnseln, sie können den Verlauf der Erkrankung verlangsamen und lindern, wenn die Patienten früh genug in die Klinik kommen.

Es gibt neben sehr großflächigen Testkapazitäten auch zunehmend Schnelltestverfahren, die etwas über die Infektiosität eines Getesteten aussagen. Aber es gibt noch keinen Impfstoff, der durch alle Phasen der Zulassung wäre. In China werden nach Berichten verschiedener Medien Menschen mehr oder weniger zwangsweise mit bei uns noch nicht zugelassenen Stoffen geimpft. Zuletzt dieser Tage rund 9 Millionen in Qingdao an der Ostküste. Über die Zuverlässigkeit und Nebenwirkungen wissen wir noch fast nichts.

Was tun?

Es ist also mit der Corona Pandemie heute, am 15.10.2020, eigentlich nicht viel anders als im März. Kein Impfstoff, sowieso nicht in den nötigen Mengen. Zu wenig Pflegepersonal allenthalben. Keine zuverlässigen Medikamente gegen schwere Erkrankungen. Sehr wenig bis gar kein Wissen über die langfristigen Folgen der Krankheit, selbst wenn sie scheinbar ohne oder fast ohne Symptome verlaufen ist. Und dennoch lassen die Verantwortlichen fast alles laufen wie im Januar?

Ein Beherbergungsverbot sollte, wenn es notwendig ist, für jedermann gelten, nicht nur für Normalbürger aus einem sogenannten Risikogebiet, zu dem wohl in wenigen Wochen fast alle Stadt- und Landkreise gehören werden. Und auf jeden Fall muss es auch gelten für Geschäftsreisende und Politiker. Oder haben wir offiziell eine Zweiklassengesellschaft?

Am besten wäre, wenn alle Veranstaltungen größerer Art wieder verboten werden. Dann kommen automatisch keine Gäste in größeren Massen in die Hotels und Bars. Private Feiern sollten rigide auf ein Mindestmaß reduziert oder ganz untersagt werden wie im März. Und zwar den ganzen Winter über, solange kein Impfstoff zur Verfügung steht.
Das Homeoffice sollte aufs Neue ins Zentrum rücken. Die FAZ berichtet heute von einer Umfrage in der Wirtschaft, die zeigt, dass viele Unternehmen das schon tun. So wie sie offenbar ihren Mitarbeitern unnötige Reisen etwa zwischen Standorten untersagen. Das sind vernünftige Regelungen.

Es muss wieder ruhiger werden. Auf den Straßen und Plätzen, in den Bussen und Bahnen, in den Hallen und Stadien. Wir sind noch nicht über den Berg. Wir haben den Corona-Berg noch komplett vor uns und kennen weder Auf- noch Abstieg. Und nicht jeder von uns kann sich wie Trump einen ganzen Stall von Medizinern leisten, die uns auch bei einer Covid-19 Erkrankung zumindest körperlich mit irgendwelchen medizinischen Experimenten am Laufen halten.

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