#6 KW 42: Wenn es schwierig wird

Die Corona-Leugner werden nicht schlauer

Die Zahlen der Infizierten steigen. Nicht erst seit gestern, sondern seit Wochen. Relativ zu anderen Ländern immer noch langsam, aber allmählich nähern wir uns doch immer schneller den Zahlen vom Frühjahr. 4.804 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden wurden am 10. Oktober von der Johns Hopkins Universität für Deutschland genannt. 6.292 war einer der Höchststände am 28. März.

Querdenker 10. Oktober Alexanderplaztz(Die Schlusskundgebung des Schweigemarsches am 10.10. in Berlin. Abstände wurden weder auf der Bühne noch davor eingehalten, Screenshot)

Die Minderheit im Lande, die die Maßnahmen gegen die Seuche für ebenso überzogen hält wie sie die Sorge vor den Folgen der Ansteckung als kopflose Panik und Unterwerfung unter eine Angstdiktatur abqualifiziert, sagt seit etlichen Wochen zu den Zahlen: Die Infektionen steigen gar nicht, nur die der Tests, und dabei kommen halt mehr Infektionen ans Licht. So klangen auch zwei Kommentare unter eine Absage an einen nebenan-Stammtisch, die ich mit zwei weiteren Moderatoren  aufgrund hoher Infektionszahlen in München ins Netz gestellt hatte. Und so auch eine Bekannte am Freitag, der Schutzmasken für die Durchblutung des Gehirns und für das ganze Immunsystem gefährlicher erscheinen als eine Ansteckung.

Covid-19 Zahlen des RKI von März bis SeptemberJetzt wüssten sie, wenn sie überhaupt Interesse an Fakten hätten und sich informieren wollten, dass die Zahl der Tests landesweit seit der Kalenderwoche 34 fast unverändert bei rund 1,1 Millionen pro Woche liegt. Das Steigen der Infektionszahlen von 1.693 am 17. August (KW34) auf 4.804 am 10. Oktober – also um das 2,8-fache – bei gleichbleibender Zahl von Tests hat also nur mit der Ausbreitung der Pandemie in Deutschland zu tun.

Trotzdem behaupten die Corona-Leugner weiterhin solches und ähnlich krudes Zeug, wie es der wohl über den Berg gebrachte Wahlkämpfer Trump tut. Mit einer sehr teuren, nur für ihn verfügbaren und genau auf ihn abgestimmten ‚experimentellen Medizin‘ ist er scheinbar außer Gefahr. Mit ihm wollen die hiesigen Corona-Leugner natürlich nicht in Zusammenhang gebracht werden. Sie suchen sich sehr genau aus, was angeblich mit was etwas zu tun hat und wer angeblich nur rein zufällig im selben Zusammenhang dasselbe sagt oder auf derselben Demonstration die Flagge des deutschen Reichs hochhält.

Die Zahlen steigen, die Krankenhäuser bekommen wieder mehr zu tun. Hoffentlich nicht zu schnell zu viel. ZEIT online zitiert am 9. Oktober den Chef der Charité-Krankenversorgung, Prof. Ulrich Frei, mit einer Sorge, die in diesem Zusammenhang lange Monate nicht mehr zu hören war, nämlich um fehlendes Pflegepersonal: "Es gibt genug Betten, es gibt genug Geräte, aber es gibt nicht genug Pflegekräfte." Jetzt zeigt sich, dass die Verantwortlichen in der Politik und im Gesundheitswesen, einschließlich Bundesgesundheitsminister Spahn, in der Zeit der niedrigen Fallzahlen keineswegs alles getan haben, was hätte getan werden müssen.

Es wird kalt, die ‚normale Grippe‘ kommt auch, die Covid-19-Infektionszahlen steigen – und die Corona-Leugner, die in Berlin am Samstag zu einem Schweigemarsch geblasen hatten, freuten sich auf der anschließenden Kundgebung lautstark und maskenlos, dass sie jetzt so viele seien und so eng zusammenrückten wegen Nässe und Kälte. Diesen Menschen ist nicht zu helfen.

Wahlkampf mit Covid-19

Der Gesellschaft aber sollte geholfen werden. Leider stehen dafür außer den hervorragenden Virologen, Epidemiologen, Ärzten und Pflegekräften nur Berufspolitiker in Diensten, denen es immer zuerst um die Sicherung von Wählerstimmen und um ihren Platz im schon längst viel zu großen Parlament geht, und dann ganz lange um nichts.

Das aktuelle Beispiel: Scheuer bleibt trotz rund 560 Millionen Euro völlig sinnlos verschleuderter Steuergelder im Amt. Wie es heißt, weil ein Ministerwechsel so kurz vor der Kür des CDU-Vorsitzenden und des Kanzlerkandidaten der Union und überhaupt vor der Bundestagswahl dem bayrischen Ministerpräsidenten Söder ungelegen käme. Man will dieses lästige Verkehrsministerium offenbar lieber los werden, als es erneut mit einem aus den eigenen Reihen zu besetzen. Also Scheuer noch ein bisschen sitzen lassen vor der erhofften großen Neuverteilung der Ministerposten. Vielleicht ahnen sie in der CSU doch auch, dass die Menschen allmählich eine andere Verkehrspolitik als eine für die alte Autogesellschaft wollen?

Als die Zahlen der Neuinfektionen rapide heruntergegangen waren im April, als es noch keine Zigtausend Corona-Leugner auf den Straßen gab, als es warm wurde im Mai und die Menschen wieder auf die Spielplätze, in den Zoo und in die Biergärten wollten, da überboten sich die Berufspolitiker in unzähligen öffentlichen Debatten und Interviews in Sachen Lockerung. Noch schneller sollte es Laschet und Lindner noch weiter gehen, damit die Menschen sahen, hier sind Politiker am Werk, die die Bedürfnisse der Menschen ernst nehmen.

WELT online gegen das BeherbergungsverbotJetzt, da die Zahlen wieder raufgehen, und zwar ungefähr im selben Tempo wie im April bergab, jetzt überbieten sich die Politiker in Maßnahmen, die die Virologen offen als wenig zweckmäßig und hilfreich kritisieren. Das vielerorts verhängte Beherbergungsverbot für Menschen aus sogenannten innerdeutschen Risikogebieten - Berufsreisende und Politiker ausdrücklich ausgenommen - ist wohl bislang der größte Unfug, der den Verantwortlichen einfiel. Als gäbe es in absehbarer Zeit in Deutschland noch erwähnenswerte Regionen, die nicht die willkürlich auf 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner festgesetzte Marke reißen werden. Sollen jetzt alle Hotels Konkurs anmelden? Sind diese – von den großen Ketten abgesehen – eher sehr kleinen Unternehmen nicht so wichtig wie die im VDA oder BDI vertretenen? War keiner der Berufspolitiker in den letzten Monaten in einem Hotel und hat gesehen, welche Mühe man sich dort fast überall gibt, in Sachen Gesundheitsschutz und Hygiene vorbildlich zu agieren?

Auch die Wiedereinführung der aus sehr, sehr alten Zeiten bekannten „Sperrstunde“ wird wohl eher zu vermehrten Ansteckungen auf privat organisierten Feiern führen, als dass sie die Ausbreitung der Seuche bremst.

Es wäre schön, wenn sich die in Land und Bund verantwortlichen Berufspolitiker wieder daran erinnern, dass sie erst mal Fachleute zu Rate ziehen. Bevor sie, die von kaum einem Fach wirklich eine Ahnung haben – von sehr seltenen Ausnahmen wie dem Epidemiologen Karl Lauterbach in der SPD abgesehen –, für uns alle wichtige Entscheidungen treffen.

Wir werden noch mehr solcher Maßnahmen erleben. Die Politiker werden langsam nervös. Die Pandemie durchkreuzt die Pläne der Wahlkampagnen. Nun müssen Entscheidungen getroffen werden, wenn eigentlich nur leere Worte auf Marktplätzen, bei Talkshows und in Bierzelten fallen sollten. Sie könnten einem leidtun.

Aber sie haben sich diesen Beruf, den Repräsentanten zu geben, ja ausgesucht. Und sie wollen absolut nichts davon wissen, dass fachkundige Bürger und ein guter Mix aus allen Teilen der Bevölkerung per Los ins Amt kommen.

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Kommentar von Paul Kho |

Hallo Uli,

viel Wahres im Wochenschauer, danke. Ich bin es mittlerweile satt, Nachrichten zu schauen oder Zeitung zu lesen und mir den Filter vor Augen zu halten, wer gerade was in seinem Interesse spricht und wie die Öffentlichkeit das zu bewerten hat. Ein Hin & Her, das Seinesgleichen sucht und den C-Leugnern noch mehr Ignoranten zuspielt. Kein Meinungsbild mehr, sondern vielmehr ein Zerrspiegel in der Corona-Geisterbahn. Mit Trump als Hui-Buh!