Industrie 4.0 - Stärken und Schwächen

Im Januar 2017

Erst haben viele gedacht, Industrie 4.0 ist nur ein Hype, der vorbeigeht wie die CIM-Debatte (Computer Integrated Manufacturing) der Achtzigerjahre. Dann gab es einen Ruck durch Industrie, Wirtschaft und Gesellschaft. Heute ist der Begriff zumindest von fast jedem schon mal gehört worden. Doch so, wie die Debatte geführt wird, kommt letztlich nichts dabei heraus.

Die Initiative Industrie 4.0 wurde 2012 ins Leben gerufen. Wie Prof. Wahlster (DFKI) 2016 im Fernsehen mitteilte, waren sich die Erfinder in Forschungsunion und acatech nicht sicher, ob wir es mit der dritten oder mit der vierten industriellen Revolution zu tun haben. Die Beteiligten fanden dann heraus, die dritte sei ja eigentlich die Automatisierung gewesen, also gehe es doch nun um die vierte.

Man kann das so darstellen. In den USA sehen sie es anders. Sie haben die Zeit der Automatisierung und der Digitalisierung der Prozesse seit den Siebzigerjahren sehr intensiv für eine IT-Revolution genutzt und die Fertigung Deutschland und anderen überlassen. Wenn sie jetzt das "Industrial Internet" proklamieren, erklären sie dies als dritte industrielle Revolution. Sie meinen etwas Ähnliches.

Die Industrierevolution(Grafik: Diese Grafik entstand für mein zweites Buch zum Thema "Industrie 4.0 grenzenlos". Sie eignet sich sehr gut zur Diskussion der weltweiten Entwicklung.)

Nach der Digitalisierung der Industrieprozesse und der Optimierung der automatisierten Produktion vor allem in Deutschland, und nach der Schaffung einer Software-, Internet- und schließlich einer Datenindustrie vor allem in den USA steht die Welt heute - so sieht es etwa Jeremy Rifkin - weltweit an der Schwelle zu einer neuen Wirtschaftsweise. Das Internet ist nicht mehr nur Kommunikationsmedium zwischen Menschen und Computern, die Software ist nicht mehr beschränkt auf die Nutzung in Computern und Anlagensteuerungen. Das Internet ermöglicht die softwaregesteuerte Verbindung von allen Dingen miteinander und mit allen Menschen. Damit können alle Produkte mit integrierten, Internet-basierten Diensten ausgestattet werden. Damit ändert sich die Industrie selbst, und es ändern sich ihre Wertschöpfungsprozesse und ihre Geschäftsmodelle.

Wenn Jeremy Rifkin recht hat, bewegen wir uns in Richtung einer gänzlich neuen Wirtschaftsordnung. Um es mit meinen Worten vereinfacht zusammenzufassen: Produkte, die immer mehr zu bieten haben, können zunehmend ohne oder ohne viel Kapital hergestellt werden. Erst recht gilt das für alle erdenklichen Arten von Dienstleistungen. Mehr und mehr wird sich eine Share Economy, eine Gesellschaft des Teilens, durchsetzen. Der hohe Wert des Besitzes wird nach und nach ersetzt durch den höheren Wert der (gemeinsamen) Nutzung. Weltweit hat sich dafür der Begriff des Internets der Dinge (IoT) durchgesetzt.

Falsch geführte Debatte

Die ursprünglichen Dokumente der deutschen Initiative Industrie 4.0, die Umsetzungsempfehlungen, die im Oktober 2012 der Bundesregierung übergeben wurden, enthielten zwar wie die später formulierte Umsetzungsstrategie eine Definition, die die Veränderung der gesamten Wertschöpfungskette umfasste. Faktisch wurde aber von Anfang an ein sehr starker Fokus auf die Fertigung gelegt. "Cyber-Physical Production Systems (CPPS) schaffen Smart Factories, der Inbegriff des Zukunftsprojekts Industrie 4.0", hieß es in den Umsetzungsempfehlungen. Meine Kritik vom November 2012, dass dies zu kurz greife, Industrie 4.0 lediglich auf eine weitere Etappe der Fertigungsrationalisierung reduziere und die Entwicklung von Produkten, die sich für das Internet und dort anzubietende Dienste eignen, vernachlässige, wird nach wie vor täglich angeklickt und gelesen. Aber leider verfolgt die heutige Leitung der Plattform, das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unter Sigmar Gabriel, ganz bewusst genau diesen beschränkten Kurs. Im Handelsblatt schreibt Gabriel persönlich am 12. Januar: "Industrie 4.0, also die Digitalisierung der Fertigung".

Zumindest die Diskussion über die Zukunft ist angeschoben worden. Das ist die Stärke von Industrie 4.0. Leider geht diese Diskussion in die falsche Richtung. Noch mehr Automatisierung und Robotereinsatz sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein der digitalen Vernetzung. Sie helfen für eine gewisse Zeit der Automatisierungsindustrie und den Großkonzernen etwa der Automobilindustrie, die von der zunehmend individualisierten Massenfertigung leben. Aber so wie die Debatte im Moment geführt wird, verstärkt sie noch die Angst, die in Europa und besonders in Deutschland sowieso groß ist: Software ist unheimlich und wertlos, das Internet eine Bedrohung, Daten machen uns transparent. Diese Diskussion hätte es verdient, sachlich und fachlich fundiert geführt und begleitet zu werden. Nicht im Stil von Fernseh-Talkshows.

Deutschland und Europa haben Stärken in der Fertigungsindustrie und im Anlagenbau und -betrieb, um die sie die inzwischen sehr zurückgefallene US-Industrie beneidet. Ein Grund, dem Industrial Internet Consortium (IIC) Tür und Tor zu öffnen und arglos mit den Konzernen des Silicon Valley zusammenzuarbeiten, ist das nicht. Auch China sieht die Stärken der deutschen Industrie. Mit Made in China 2025 ist das Riesenland dabei, gegenüber den Software-Weltmeistern in den USA und den Hardware-Weltmeistern in Deutschland in rasendem Tempo aufzuholen.

Die Schwäche der Führung von Industrie 4.0 durch die Bundesregierung kann dazu führen, dass viele Industriebetriebe hierzulande künftig nur noch die billigen Hardwarelieferanten für die wirtschaftlich neu erfolgreichen Industrien im Internet der Dinge sind. Schöner wäre, die Industrie würde ihre Stärke ausspielen und sich selbstbewusst und innovativ ins Getümmel stürzen. Vielleicht auch als Partner einer künftig führenden chinesischen Industrienation.