Der Mensch und die Digitalisierung

Im August 2017

Die Digitalisierung hat auch die Industrie erfasst. Die digitale Vernetzung verändert nicht mehr nur den Handel, sondern unsere Wirtschaft insgesamt. Deutschland hat mit Industrie 4.0 früh die Richtung gewiesen. Jetzt tun sich Industrie und Regierung schwer, die nötigen nächsten Schritte zu gehen. Unterdessen beginnen andere an uns vorbeizuziehen, wie etwa der Innovationsindikator 2017 zeigt. Aber das größte Manko ist, dass es keine gesellschaftliche Debatte darüber gibt, was wir eigentlich mit all dem anfangen wollen, was jetzt technisch möglich ist!

Die Menschheit ist im Umbruch. Nicht nur die Industrie wird digital, sondern alles. Und doch wird die Entscheidung über die Zukunft vor allem den Technologen überlassen. Aber die bisherige Aufteilung der Zuständigkeiten stimmt nicht mehr. Wenn auch Philosophen und Theologen gebraucht werden, um die Regeln für die Programmierung des autonomen Fahrens zu definieren, dann ist es Zeit, dass Geistes- und Technikwissenschaften nicht nur in Talkhows miteinander reden.

Sonst entstehen Studien wie der oben verlinkte Innovationsindikator, der von den höchsten Organen der Technikwissenschaft (acatech) und Wirtschaft (BDI) in diesem Land herausgegeben wird, und darin kommt das Wort Ethik auf 60 Seiten nicht ein einziges Mal vor. Im Vorwort heißt es: "Der Innovationsindikator kann Anhaltspunkte für den Dialog von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft bieten, wie wir gemeinsam die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland sichern können." Gemeint ist eben nur, wie die technische Entwicklung wirtschaftlich erfolgreich sein kann.

In den USA haben wir bei der Präsidentenwahl 2016 gesehen, wohin es führt, wenn die Wirtschaft sich frei entwickeln kann und sich niemand um die Gesellschaft Gedanken macht. Etwa um jene, die für die Zukunft nicht ausgebildet sind. Die USA haben unsere Zeit von Automatisierung und Digitalisierung der Prozesse seit den Siebzigerjahren sehr intensiv für eine IT-Revolution genutzt und die Fertigung anderen überlassen. Neben dem Silicon Valley ist dabei der sogenannte Rostgürtel entstanden. Und zuletzt Donald Trump an die Macht gekommen.

Die Industrierevolution(Grafik aus meinem Buch "Industrie 4.0 grenzenlos")

Nach der Digitalisierung der Industrieprozesse und der Optimierung der automatisierten Produktion vor allem in Deutschland, und nach der Schaffung einer Software-, Internet- und Datenindustrie vor allem in den USA steht die Welt an der Schwelle zu einer neuen Wirtschaftsweise. Das Internet ermöglicht die softwaregesteuerte Verbindung von allen Dingen miteinander und mit allen Menschen. Alle Produkte können mit internetbasierten Diensten ausgestattet werden. Durch dieses internet der Dinge ändern sich Wertschöpfungsprozesse und Geschäftsmodelle.

Menschheit im Umbruch

Wenn Jeremy Rifkin recht hat, bewegen wir uns in Richtung einer Wirtschaftsordnung der Share Economy. Produkte und Dienstleistungen, die immer mehr zu bieten haben, können zunehmend ohne oder ohne viel Kapital hergestellt werden. Der hohe Wert des Besitzes wird nach und nach ersetzt durch den höheren Wert der (gemeinsamen) Nutzung.

Das ist die wirtschaftliche Seite. Aber was ist mit uns? Wie sieht die künftige menschliche Gesellschaft aus? Yuval Harari geht in seinem Buch "Homo Deus" davon aus, dass 'das System' uns dank künstlicher Intelligenz und Maschinenlernen nicht mehr braucht. Gleichzeitig sieht er eine Medizin entstehen, die uns - sofern das Geld reicht - unsterblich macht wie Götter. Wer die Fabrikhallen der heutigen Industrie kennt, weiß, wie weit sich solche Fantasie von der Realität entfernt.

Viel wichtiger ist, ob wir tatenlos zuschauen müssen, wie Internet-Konzerne die Regeln gesellschaftlichen Zusammenlebens bestimmen und das Ansehen der Demokratie weltweit dramatisch schwindet. Die moderne Demokratie ist mit der Industrie entstanden und hat sich mit ihr ausgebreitet. Wie müssen wir sie ändern, damit das Zeitalter der Digitalisierung nicht mit der Renaissance von Autokratie und Diktatur beginnt?

Erste Gedanken meinerseits finden sich zu diesen Fragen in einem Aufsatz, der im Informatikspektrum bei Springer erschienen ist: Menschheit im Umbruch.